Schüler schreiben...

„Schüler schreiben Geschichte“

Ein generationenübergreifendes Zeitzeugenprojekt am Schulmuseum Leipzig

(oder: vom Großvater vertrieben – vom Enkel erforscht)

Ausgangssituation:

Das Schulmuseum verfügt über einen "Schatz" von vielen Interviews und anderen Filmdokumenten mit ehemaligen jüdischen Leipzigern, die vor mehr als sechzig Jahren die Stadt verlassen mussten. Diese Interviews mit heute noch ansprechbaren, bzw. anschreibbaren Zeitzeugen, die heute in Israel, England, Amerika, Australien, Kanada, Schweiz etc. leben, bilden die Basis, auf der das generationenübergreifende Projekt aufbaut.

 

Bei vielen Jugendlichen ist das Wissen über die Geschichte und die Kultur des Judentums nur lückenhaft. Aus dem Geschichtsunterricht gibt es zumeist nur recht allgemeine Kenntnisse über die Judenverfolgung im 20. Jahrhundert; aus Ethik- und Religionsunterricht sind nur grobe Eckdaten der jüdischen Religion bekannt.  Über das kulturelle Leben, sowie das Leben von Juden im Ausland ist vielen sehr wenig bekannt.

 

Die Projektteilnehmer/innen werden neue Seiten der Vergangenheit entdecken bzw. ihre bisherige Sicht auf die Geschichte durch neue Fragestellungen erweitern oder korrigieren. Die erfolgreichste Methode, sich Vergangenheit anzueignen und zu reflektieren ist sicher immer noch die persönliche Erfahrung, dass es nicht nur die eine Sicht darauf gibt; dass die Vielfalt zu entdecken möglich ist, die bereichernd wirkt. Das Projekt dient somit auch dazu, den Horizont der Schüler/innen dahingehend zu erweitern, dass es dazu beiträgt, unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit zur Sprache bringen.

 

Obgleich die zu recherchierenden Inhalte in der Vergangenheit liegen, ist das Projekt gegenwartsbezogen... indem es ...  z.B. Möglichkeiten von Zivilcourage und mitmenschlicher Verantwortung damals wie heute aufzeigt.

 

Inhaltsbeschreibung

15-17 jährige Schüler/innen aus Leipzig, das sind eine zehnte Klasse eines Leipziger Gymnasiums und eine neunte Klasse  einer Mittelschule, setzen sich mit den Zeitzeugen in Verbindung. Zuvor machen sie sich mit diesen Personen „vertraut“, das heißt sie  beschäftigen sich mit den Interviews - verbunden mit konkreten Fragestellungen. Sie werden dann mit ihnen korrespondieren, um weitere Fragen beantwortet zu bekommen. Auch durch die Mitwirkung des Verbandes ehemaliger Leipziger/innen in Israel entstehen persönliche Verbindungen zu „anfaßbaren“ Juden, die einst Nachbarn ihrer Groß- oder Urgroßeltern hätten sein können. Hierbei werden die in der Regel nur sehr allgemeinen Kenntnisse über die Zeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung konkret.

 

Automatisch werden die Jugendlichen auf Fragen nach den damaligen Umständen bzw. dem Verhalten ihrer eigenen (Ur-)Großeltern bzw. deren Generation stoßen.

Im Anschluß an die Befragung der jüdischen Zeitzeugen werden die Schüler/innen ihre eigenen (Ur-)Großeltern (bzw. Vertreter deren Generation) befragen und nach den "weißen Flecken" in der regionalen Geschichtsschreibung forschen (insbesondere Judenfeindlichkeit und Alltagsleben vor und nach 1945).

Diese Zeitzeugen werden sie, auch unter Einbeziehung eines Seniorenverbandes, in vorbereiteten Interviews befragen und die Antworten dokumentieren und kommentieren.

Das entstehende Buch wird  in einzigartiger Weise Erinnerungen, Meinungen, die subjektive Darstellung von Ereignissen in einer breit gefassten Multiperspektivität darstellen sowie Wertungen, Reflexionen, Schlussfolgerungen und Anregungen zu demokratischem Handeln verbreiten.

 

Projektphasen

Zu Beginn wird den Schüler/innen das Projekt vorgestellt; sie werden mit den Themen und den Projektabschnitten vertraut gemacht; ihre Erwartungen und eigenen Vorstellungen werden abgefragt; evtl. Ziele (neu) formuliert.

 

1. Projektphase  01. April - 15. Juni 05

Im Schulmuseum werden die vorhandenen Materialien gesichtet und die Personen ausgewählt. Dann befassen sich die Jugendlichen mit den konkreten Interviews, wobei sie sich auf bestimmte Fragestellungen konzentrieren:

  • Welche Erinnerungen an die Leipziger Kindheit gibt es?
  • Gab es antisemitische Erlebnisse in der Leipziger Kindheit?
  • Wie haben sie die Reichspogromnacht erlebt?
  • Welche wichtigen Aussagen gibt es noch?

Die gefundenen Antworten werden durch schriftliche Befragung ergänzt.

In Workshops werden die weiteren Fragestellungen entwickelt und die Schüler/innen auf die Korrespondenzen vorbereitet. Z.B. 

  • Was bedeutet es ihnen Jüdin/Jude zu sein?
  • Wie wichtig erscheint ihnen eine nationale Identität?
  • Was halten sie von den Deutschen?
  • Wie denken die einst aus Leipzig Vertriebenen heute über Leipzig?
  • Was hat sie bewegt, noch einmal nach Deutschland zu kommen?
  • Um die richtigen Fragen formulieren zu können, ist es für alle Projektbeteiligten erforderlich,  sich vorher die wichtigsten Kenntnisse über jüdisches Leben in Leipzig in Vergangenheit und Gegenwart anzueignen. Hierzu dienen Veranstaltungen und workshops im Schulmuseum. Parallel dazu werden alle Interviewpartner von der Projektleiterin angefragt, ob sie zu einem Briefwechsel mit Leipziger Jugendlichen bereit sind.
  • Im Anschluß werden die schriftlichen Befragungen gestartet. Das heißt, alle Schüler schreiben Briefe an ihre ausgewählten Zeitzeugen. Sie stellen sich und das Projekt vor, formulieren ihr Anliegen und ihre konkreten Fragen.

     

    2. Projektphase 15. Juni - 31. August 05

    Die Schülerinnen und Schüler werden in die Mitgestaltung der Jüdischen Woche in Leipzig einbezogen: Eine Sammlung von 25 Zeichnungen des ehemaligen Leipzigers Dr. Seev Shilo aus Israel werden im Schulmuseum in einer Ausstellung gezeigt. Mit dem Künstler und seinen beiden Schwestern, von denen ebenfalls Interviews vorhanden sind, korrespondieren ca. sechs Jugendliche.

    Aus den daraus entstehenden Bildergeschichten könnte der Mittelteil des am Ende des Projekts entstehenden Buches gestaltet werden. Diese Schüler begleiten auch Besucher durch die Ausstellung, zu der auch ihre eigenen Familien eingeladen werden. Die anderen Jugendlichen werden angeleitet, selbst neue Interviews mit ehemaligen Leipzigerinnen und Leipzigern zu führen, die während der Jüdischen Woche zu Gast sind. Dabei können sie zurück greifen auf die Beschäftigung mit den bereits bearbeiteten Interviews und sie wissen bereits, auf welche Fragen es ihnen insbesondere ankommt.

    Abschließend stellen sie das inzwischen verschriftlichte Material zusammen.

     

    3. Projektphase 01. September - 31. Dezember 05

    In einem weiteren Workshop werden die Fragen erarbeitet, die sie ihren eigenen (Ur)Großeltern (geboren vor 1933) stellen wollen. Diese Befragung erfolgt als Interviews, die ebenfalls im Schulmuseum gefilmt werden. In Zusammenarbeit mit einem Seniorenverband wird ersatzweise nach (Ur-) Großeltern, d.h. nach geeigneten Ansprechpartnern gesucht. Die Fragen und Antworten werden in verschriftlichter Form durch Fotomaterial, Zeichnungen und sonstige Erinnerungsstücke illustriert. Die Jugendlichen vergleichen die Antworten und kommentieren Übereinstimmungen und Unterschiede in den Aussagen der ehemaligen Leipziger und ihrer eigenen Großeltern. Insbesondere hierbei wird für die Jugendlichen die Vielschichtigkeit historischer Erfahrungen und Ereignisse erfahrbar werden.

    Geplant ist in dieser Phase auch eine Reise der Schüler/innen nach Israel. Sie sollen sowohl gleichaltrigen jüdischen Jugendlichen begegnen, (wofür noch eine Schule /Klasse gesucht wird), als auch über den Verband der ehemaligen Leipzigerinnen und Leipziger in Israel wenigstens einige der Interviewpartner/innen treffen, um sich nun persönlich kennenzulernen. Hierzu bemühen wir uns um eine Förderung bei ConAct und bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“

    Hier kommen die Schüler/innen in Kontakt mit gleichaltrigen Israelis, die ebenfalls deren eigene Großeltern befragen. Sie werden dabei viele persönliche und emotionale Erfahrungen machen, die durch die Subjektivität der einzelnen Geschichten dazu anregen werden, sich selbst ein Urteil bilden zu müssen. Vorstellbar wäre es auch, dass die jeweiligen Großeltern der deutschen und israelischen Jugendlichen in einen Briefkontakt gebracht werden.

    Der Aufbau des Kontaktes nach Israel und der Besuch der Leipziger Schüler/innen soll gleichzeitig dazu dienen, eine dauerhafte Partnerschaft zwischen zwei Leipziger Schulen und zwei Schulen in Israel zu begründen.

    Als weitere Form der Auseinandersetzug mit diesem Teil der Geschichte werden in Zusammenarbeit mit dem Theater der Jungen Welt Leipzig kleinere szenische Collagen (als „Straßentheater“ oder anderer Form)  erarbeitet.

    Damit treten einige der Schüler/innen in öffentlichen Räumen auf; im Foyer des Theaters oder im Hauptbahnhof, in ihren Schulen, (oder in der Straßenbahn), um auf das Projekt aufmerksam zu machen und zur Präsentation einzuladen.

    Mit allen Projektergebnissen (den "Lebensbildern", die durch die Beschäftigung mit den Interviewpartnern und der Thematik entstehen sowie mit den Antworten, die die Jugendlichen auf ihre Fragen erhalten und aufbereitet habenmit den Erfahrungen aus der /den Theaterszenen) wird ein Buch entstehen:

    [evtl. Titel:  „Davon haben wir nichts gewusst“], das später in Schulen, Vereinen, Verbänden und Institutionen verteilt werden soll.

     

    Ergebnisse: 

    Im Projekt geht es nicht nur um die Aufnahme von Kontakten mit jüdischen Zeitzeugen, sondern vor allem auch darum, die Aussagen, Erinnerungen, Erlebnisse dieser ehemaligen Leipzigerinnen und Leipziger mit den Antworten der (etwa) gleichaltrigen hiesigen Zeitzeugen in Beziehung zu setzen und zu vergleichen. Es ist zu erfragen / zu erforschen,

    • welche Kenntnisse besaßen die (Ur-)Großeltern über die nationalsozialistische Judenvervolgung,
    • wie haben sie als junge Menschen die Ereignisse um die Pogromnacht wahrgenommen,
    • was haben sie darüber gedacht,
    • wie verhielten sich die Familien, Freunde, Bekannte, Nachbarn?
    • Wie haben sie jüdisches Leben in Leipzig überhaupt wahrgenommen?
    • Können sie sich an das allmähliche Verschwinden ihrer Schul- oder Klassen-kameraden erinnern?
    • wollen sie heute noch nach ihnen suchen?
  • Vereinzelt gibt es sicher Zeitzeugen-Aussagen zu dieser Zeit, doch nicht in dieser gesammelten und dokumentierten Form und unter diesen Fragen und lokal bezogen, wie sie in den Interviews durch die Enkelgeneration gestellt werden.

    Die Ergebnisse sind offen, doch ist zu erwarten, dass die Aussagen der hiesigen Zeitzeugen dazu beitragen werden, noch immer vorhandene „weiße Flecke“ in der Geschichtsschreibung zu schließen (es könnte sein, einige erinnern sich, wie z.B. die Deportationen abliefen, waren Augenzeugen, als jemand „abgeholt“ wurde oder  wissen um den Weg oder das Schicksal einer jüdischen Nachbarsfamilie oder anderer jüdischer Bekannter der Familie...)

     

    Präsentation der Ergebnisse:

    Die Ergebnisse und das Buch werden öffentlich präsentiert im Schulmuseum. Dafür wird zum Projektabschluß eine Veranstaltung vorbereitet, zu der weitere Klassen der beteiligten Schulen, Eltern, Lehrer, die Interviewpartner aus Leipzig und ein oder zwei ehemalige Leipziger eingeladen werden. Eine Gruppe Jugendlicher fasst im Podium die Erfahrungen zusammen.

    Einige Zeitzeugenberichte werden durch Schüler selbst verlesen.

    Auch in den beiden Schulen werden die Projektergebnisse in entsprechender Form gezeigt werden.  Hier können die szenischen einstudierungen wiederholt werden, so dass auch sie einen größeren Zuschauerkreis finden.

    Das Buch soll in Zusammenarbeit mit dem Regionalschulamt allen Schulen des Regionalschulamtsbereiches zugänglich gemacht werden und durch Lehrerfortbildung verbreitet werden.

    Die Präsentation der Projektergebnisse soll eventuell auch als Beitrag in das Programm der Stadt Leipzig anlässlich des 9. November aufgenommen und im Rathaus gezeigt werden.  Wenn das zeitlich nicht möglich ist, ist eine Präsentation auch zum 27. Januar denkbar.